Vermisst in Deutschland. Filmvorführung und Gespräch mit Irina Scherbakowa
13.03.26
Die Autorin und Mitbegründerin der aus Russland stammenden Menschenrechtsorganisation Memorial, Irina Scherbakowa, spricht am 18. März 2026 in der Gedenkstätte Bautzner Straße und auf Einladung der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain um 18 Uhr über das lange verschwiegene Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener des Zweiten Weltkriegs. Anlass sind neue Interviews mit Nachkommen ehemaliger Rotarmisten, aus denen Kurzfilme entstanden sind, die der Historiker Aren Vanyan vorstellt.
Mehr als drei Millionen Soldaten der Roten Armee starben während des Zweiten Weltkriegs in deutscher Kriegsgefangenenschaft. Ihre sterblichen Überreste liegen bis heute in Massengräbern in ganz Europa verteilt – allein im sächsischen Zeithain bei Riesa ruhen mindestens 30.000 von ihnen. Doch selbst nach dem Ende des Krieges fanden viele dieser Männer keinen Frieden: In der Sowjetunion galten ehemalige Kriegsgefangene seit der Zeit Joseph Stalins als Verräter und Kollaborateure.
Dieses Stigma belastete auch ihre Familien. Mütter, Ehefrauen, Geschwister und Kinder warteten oft jahrzehntelang auf Nachrichten, Gewissheit oder ein Lebenszeichen. Doch die sowjetischen Geheimdienste hielten Informationen über Gefangenschaft und Tod streng unter Verschluss. Viele der wenigen Heimkehrer wurden nach ihrer Rückkehr erneut verhaftet und in Lager des Gulag-Systems deportiert.
Diesen individuellen Familiengeschichten ist der armenisch stämmige Autor Aren Vanyan nachgegangen. Im Auftrag der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain führte er seit 2024 Interviews mit Nachkommen – meist aus der vierten und fünften Generation – aus Kasachstan, Russland, der Ukraine, Belarus, Armenien und Georgien. Sie berichten von jahrzehntelanger Ungewissheit, vom nicht endenden Warten, von vergeblichen Archivrecherchen – und von dem Glück, schließlich ein Grab zu finden. Zugleich sprechen sie darüber, welche Spuren diese unvollendeten Familiengeschichten bis heute hinterlassen haben – und wie Kriege, auch in der Gegenwart, das Leben von Opferfamilien über Generationen hinweg prägen.
Aus den Interviews sind fünf Kurzfilme entstanden, die Gespräche mit Animationen, Zeichnungen und Collagen verbinden. Auf diese Weise werden die Erinnerungen nicht nur dokumentiert, sondern auch visuell interpretiert.
Irina Scherbakowa ordnet diese persönlichen Geschichten in den größeren Zusammenhang der Vergangenheitsaufarbeitung in der ehemaligen Sowjetunion ein. Memorial erforscht seit den späten 1980er Jahren die Geschichte politischer Verfolgung, des Gulag-Systems und staatlicher Gewalt in der Sowjetunion, erschließt Archive und stärkt damit das individuelle Erinnern von Opfern und ihren Familien. Für ihre Arbeit wurde Memorial 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
Seit dem Verbot von Memorial durch die Regierung Russlands im Jahr 2022 lebt Scherbakowa im deutschen Exil. Bereits seit den 2010er Jahren beschäftigt sie sich zudem mit der Frage, wie das Gedenken an den „Großen Vaterländischen Krieg“ heute für die imperiale Politik Russlands instrumentalisiert wird.
Auch Aren Vanyan arbeitete bis 2022 in Moskau für Memorial. Heute lebt er mit seiner Frau in Dresden und wird im Rahmen der Veranstaltung zwei der entstandenen Animationsfilme vorstellen.
Eine russische Übersetzung wird angeboten.
Im Anschluss wird Irina Scherbakowa ihr aktuelles Buch „Der Schlüssel würde noch passen. Moskauer Erinnerungen“ signieren.
Kontakt
Nora Manukjan
Referentin Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain
Tel: 03525 510472
nora.manukjan@stsg.de

