5. Arbeitstreffen Dokumentation - Auskünfte - Schicksalsklärung
08.10.26
Am 7. Oktober 2026 fand im Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e. V. in Chemnitz das fünfte Arbeitstreffen der Arbeitsbereiche Dokumentation, Auskünfte und Schicksalsklärung der Stiftung Sächsische Gedenkstätten statt. Es wurde von der Dokumentationsstelle Dresden organisiert; Gastgeber war der Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis. Die Veranstaltung richtete sich an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der sächsischen Gedenkstätten und Aufarbeitungsinitiativen, die mit der Erschließung, Archivierung und Auskunftserteilung zu Haft- und Verfolgungsorten des Nationalsozialismus und der DDR befasst sind. 16 Beschäftigte waren der Einladung gefolgt.
Nach der Begrüßung durch Konstantin Wiesinger (Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Lern- und Gedenkortes Kaßberg-Gefängnis) und Bert Pampel (Leiter der Dokumentationsstelle Dresden) standen zwei Beiträge zur Quellenerschließung auf dem Programm. Jessica Furche und Bert Pampel stellten eingangs den Stand der Digitalisierung, Langzeitarchivierung und Bereitstellung von Unterlagen der Dokumentationsstelle Dresden vor. In einem von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur geförderten Projekt werden vor allem russischsprachige Unterlagen zur sowjetischen Verfolgung 1945 bis 1956 digitalisiert und archiviert. In der Diskussion ging es um die Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern und um die potentielle Nutzung der digitalen Infrastruktur der Dokumentationsstelle durch andere sächsische Einrichtungen.
Anschließend berichteten Cornelia Bruhn (Gedenkstätte Bautzen), Katharina Seidlitz und Anna Zavialova (beide Dokumentationsstelle Dresden) über die Erfassung und Auswertung der sogenannten Kompromatslisten des Speziallagers Bautzen. Der Beitrag verband die Beschreibung der Datenerfassung mit den Ergebnissen der statistischen Auswertung und mit Fallbeispielen. Die Schwierigkeiten der Entzifferung kaum lesbarer russischsprachiger Vorlagen und der Identifizierung in Russische übertragener deutscher Namen wurden anschaulich vor Augen geführt. Cornelia Bruhn verwies auf den Nutzen der Erfassung für die Erteilung von Auskünften zu ehemaligen Inhaftierten sowie auf mögliche Veränderungen der Darstellung in der Speziallager-Ausstellung der Gedenkstätte durch damit verbundene neue Erkenntnisse.
Nach der Mittagspause führte Konstantin Wiesinger durch den Lern- und Gedenkort und erläuterte dabei dessen Entstehungsgeschichte. Anschließend führte er durch die Ausstellung im früheren Hafthaus und stellte die Schwerpunkte der Sammlung vor. Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer zeigten sich von der modernen und besucherfreundlichen Gestaltung des Ortes und der fundierten Führung sehr angetan. Leider fehlte die Zeit für eine ausführliche Besichtigung der Ausstellung.
Der Nachmittag widmete sich anschließend zunächst der kartografischen und überregionalen Erschließung von Verfolgungsorten. Laura Hottenrott (Projektmitarbeiterin der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau) präsentierte die digitale Karte „Erinnerungsorte von DDR-Heimerziehung, Psychiatrie und Behindertenhilfe in Sachsen“. Diese soll über 400 solcher Orte in früherer Verantwortung der DDR-Volksbildung oder des DDR-Gesundheitswesens dokumentieren. In der Diskussion des Vortrags standen die Frage einer Aufnahme weiterer Einrichtungen sowie die organisatorischen Rahmenbedingungen und zeitlichen Perspektiven des Projekts im Mittelpunkt.
Lewin Ott (Dokumentationsstelle Dresden) behandelte die NS-Überlieferung in den U. S. National Archives and Records Administration (NARA) und ging auf Bestände, Recherchestrategien und methodische Fallstricke ein. Er betonte die Breite der angebotenen digitalisierten Unterlagen, die weit über die in der Öffentlichkeit thematisierte Mitgliederkartei der NSDAP hinausgeht. Das amerikanische Angebot sei kein Ersatz von Recherchen in deutschen Archiven, biete aber einen ersten niedrigschwelligen und kostenfreien Zugang und ermögliche schnelle Ergebnisse. Diskutiert wurde unter anderem die Frage, inwieweit die Nutzung des vereinfachten Suchzugangs der Zeitungen SPIEGEL, ZEIT und SÜDDEUTSCHE ZEITUNG angesichts der Fehler bei der KI-Erkennung Sinn macht.
Den Abschluss bildete der Beitrag von Mykola Borovyk (Gedenkstätte Sachsenburg) und Enrico Hilbert (Chemnitz) zur Ermittlung und Erfassung von Gefangenen des KZ Sachsenburg. In jahrelanger ehrenamtlicher Arbeit hat Letzterer durch Recherchen in Archiven, durch Sichtung einschlägiger Literatur und im Ergebnis der Mitarbeit in der Gruppe „Die terroristische Herrschaft der Nationalsozialisten in Sachsen 1933 bis 1945“ mehrere Tausend Namen zusammengetragen. Im Vortrag wurden die damit verbundenen Schwierigkeiten, u. a. durch fehlerhaft beschriftete Archivunterlagen, augenfällig. In der anschließenden Diskussion ging es vor allem um die Pläne für die langfristige und nachvollziehbare Sicherung der hart erarbeiteten Einsichten und Erkenntnisse.
Das Treffen bündelte damit aktuelle Arbeitsstände zur digitalen Erschließung von DDR- und NS-Überlieferung, zur personenbezogenen Schicksalsklärung und zur Verknüpfung regionaler Sammlungen mit überregionalen und ausländischen Beständen. Es bot darüber hinaus auch abseits der Vorträge in den Pausen die Möglichkeit zum gegenseitigen Austausch und zur Vernetzung und brachte die eine oder andere Idee für künftige gemeinsame Projekte hervor.
Kontakt
Dr. Bert Pampel
Leiter der Dokumentationsstelle Dresden | Stiftung Sächsische Gedenkstätten
Tel. 0351 2788503-11
bert.pampel@stsg.de
www.dokst.de

