Webportal zu Opfern von Gewalt und Krieg auf Dresdner Friedhöfen nun um den Johannisfriedhof erweitert
22.09.26
Das Webportal zu Opfern von Gewalt und Krieg auf Dresdner Friedhöfen hat mit dem Johannisfriedhof einen zweiten Friedhof aufgenommen. Interessierte finden dort Informationen zu Bestatteten, Grabfeldern und Gedenkzeichen. Der evangelisch-lutherische Johannisfriedhof in Dresden-Tolkewitz wurden etwa 4600 Menschen bestattet, die Opfer von Gewalt und Krieg wurden, ihre Gräber und Begräbnisanlagen sind heute mehrheitlich durch das „Gräbergesetz“ geschützt. Davon sind 2200 Opfer namentlich bekannt und nun in der Datenbank des Webportals zu finden. Die Verantwortliche des Portals, die Leiterin der Gedenkstätte Münchner Platz Dresden, Dr. Birgit Sack, spricht über ihre Forschungen, Luftkriegstote und die DDR-Erinnerungskultur auf dem Johannisfriedhof.
Zwei Jahre nach Start des Portals ist nun – nach dem Neuen Katholischen Friedhof – der Johannisfriedhof in Tolkewitz online. Warum zwar dieser als Zweites an der Reihe?
Die Forschungen zu Opfern von Krieg und Gewalt auf Dresdner Friedhöfen sind ja von unserer Gedenkstätte Münchner Platz Dresden ausgegangen. Und die meisten Hinrichtungsopfer vom Münchner Platz wurden auf diesen beiden Friedhöfen bestattet – etwa 500 auf dem Neuen Katholischen Friedhof und 460 auf dem Johannisfriedhof. Deshalb habe ich mit diesen beiden Friedhöfen begonnen.
Welche Opfergruppe ist auf dem Johannisfriedhof besonders stark repräsentiert?
Auf dem Johannisfriedhof sind besonders viele Opfer der Luftangriffe, vor allem vom 13. Februar 1945, bestattet. Das ist die dominante Opfergruppe. Mit über 3700 Opfern haben wir hier insgesamt die zweitgrößte Zahl von Luftkriegstoten auf einem Dresdner Friedhof – nach dem Heidefriedhof, wo nach Schätzungen über 18 000 Luftkriegstote bestattet wurden.
Was war bei den Forschungen zu den Luftkriegstoten besonders schwierig?
Erstmals war ich bei meinen Friedhofs-Forschungen damit konfrontiert, dass nur ein Teil einer Opfergruppe namentlich bekannt ist: So konnte ich nur zu etwa 1300 Luftkriegstoten recherchieren. Aber 1300 Namen sind trotzdem eine große Zahl – die Klärung ihrer Identitäten hat die Recherchen auch sehr in die Länge gezogen. Die namentlich bekannten Opfer sind nun alle in die Datenbank aufgenommen worden.

Was haben Sie über die bestatteten Bombenopfer herausgefunden – und was hat Sie besonders bewegt?
Was problematisch ist: Die Luftkriegstoten wurden pauschal – ohne Einzelprüfung – als zivile Opfer des Zweiten Weltkriegs anerkannt. Allerdings waren unter ihnen nicht nur Zivilistinnen und Zivilisten, sondern auch Menschen, die verbrecherischen Organisationen angehört haben oder selber an NS-Verbrechen mitgewirkt haben. Beispielsweise hat der SA-Gruppenführer Otto Ivers im Webportal eine Biografie bekommen. Ebenso habe ich die Juristin Herta Quaas porträtiert, die sich am „Mietsonderrecht“ für Jüdinnen und Juden beteiligt hat. Denn natürlich waren auch die zivilen Toten nicht alle unschuldig, sondern zum Teil aktiv am NS-Unrecht beteiligt. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die Familien, die sozusagen als Ganzes – außer dem Familienvater – ausgelöscht wurden. Auf dem Johannisfriedhof sind mehr weibliche Opfer und auch zahlreiche Kinder bestattet, weil viele Männer im Februar 1945 kriegsbedingt abwesend waren. Ich denke etwa an die Familie Mann: Die Ärztin Gudrun Mann ist am 13. Februar 1945 mit drei Kindern, ihrer Schwiegermutter und einer Schwägerin gestorben – alle haben im selben Haus gewohnt. Nur der Mann hat überlebt und in den Trümmern nach Spuren seiner Familie gesucht.

Sind denn die Gräber von Opfern von Gewalt und Krieg alle gekennzeichnet und auffindbar?
Nein, weder noch. Zum Beispiel ist der sogenannte Ehrenhain für die Luftkriegstoten auf dem Johannisfriedhof eine einzige Wiese. Da findet man vorgelagert nur ein paar Grabsteine, die früher tatsächlich einmal einzelne Gräber gekennzeichnet haben. Die Kennzeichnungen von NS-Opfern, etwa durch Grabsteine, erfolgten auch erst nach 1945 durch die sowjetische Besatzungsmacht oder durch die Dresdner Behörden. Hinzu kommt, dass auf dem Johannisfriedhof auch in großem Umfang Umbettungen in Gemeinschaftsgrabanlagen vorgenommen worden, wodurch viele Einzelgräber aufgelöst wurden. Das betrifft vor allem Gräber von Menschen, die dann als „polnische und tschechische Widerstandskämpfer“ eingestuft wurden – das waren vor allem tschechische Hinrichtungsopfer – sowie jene, die in eine Anlage für „sowjetische Bürger“ kamen – das waren überwiegend Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Osteuropa, aber auch Hinrichtungsopfer.
Wie gehe ich, etwa als Angehörige eines in Dresden bestatteten Opfers von Gewalt und Krieg, vor: Wo hilft mir das Portal, wo bekomme ich weitere Auskünfte?
Im Webportal kann man erst einmal die Namen eingeben. Wenn es einen Treffer gibt, findet man biografische Angaben, auch zum Friedhof und Grabfeld. Wenn eine Umbettung stattgefunden hat, kann auch diese nachvollzogen werden. Ich habe mich bewusst entschieden, nicht die konkrete Lage von Gräbern anzugeben, sondern nur das Grabfeld – eben, weil die Gräber vielfach eingeebnet und auch nicht gekennzeichnet sind und deshalb nur schwierig aufzufinden. Im Webportal ist auch verzeichnet, ob es eine Anerkennung im Sinne des Gräbergesetzes gibt. Zu einzelnen Personen – für den Johannisfriedhof sind es rund 60 – gibt es zusätzlich ausführlichere Biografien. Ich wollte Geschichten erzählen, die für die einzelnen Opfergruppen stehen, von Soldaten bis zu Opfern der Krankenmorde. Wer über die Angaben im Portal hinaus weitere Informationen wünscht, kann sich gerne an uns wenden.

Das Portal beschäftigt sich auch mit Gedenkzeichen auf den Friedhöfen. Was hat es mit den Gedenkanlagen zu Kapp-Putsch und Keglerheim auf dem Johannisfriedhof auf sich?
Zunächst einmal muss ich sagen, dass diese Anlagen eigentlich gar nicht in das Portal hineingehören. Denn die Opfer des Kapp-Putsches bzw. von Polizeigewalt im Keglerheim fallen nicht unter das Gräbergesetz, weil beide Ereignisse in der Zeit der Weimarer Republik – also eine Demokratie – stattfanden. Es wird offenbar per se davon ausgegangen, dass es dort keine staatliche Gewalt gegeben haben kann. Es sich jedoch unabhängig davon um Opfer gewalttätiger Auseinandersetzungen. Ich habe Kapp-Putsch und Keglerheim aber auch aufgrund ihrer Bedeutung für die Dresdner Stadtgeschichte ins Webportal aufgenommen.
Welche Bedeutung hatten Kapp-Putsch und Keglerheim denn für die Erinnerungskultur in Dresden?
Die Toten in Zusammenhang mit dem Kapp-Putsch in Dresden am 15. März 1920 wurden in der DDR als revolutionäre Arbeiter heroisiert, die die „Reaktion“ bekämpft hatten. Bedeutsamer für die lokale Erinnerungskultur waren allerdings die Ereignisse im Keglerheim in der Friedrichstraße am 25. Januar 1933. Im Keglerheim war es im Zuge einer Versammlung des „Kampfhundes gegen den Faschismus“ zu einem Polizeieinsatz gekommen. Fakt ist, dass die neun Toten durch Polizeigewalt ums Leben kamen, infolge von Schusswunden, durch Schädelbruch oder infolge der entstandenen Panik . Im Nachhinein wurde das Ganze als faschistischer Überfall und als Blutbad dargestellt. Die Beerdigung der Toten auf dem Johannisfriedhof wenige Tage später wurde rückblickend als letztes geeintes Aufgebot der Dresdner Arbeiterschaft rezipiert.
Was hat Sie in Zusammenhang mit Ihren Forschungen zum Johannisfriedhof besonders berührt?
Besonders berührt hat mich die Geschichte von Waleria Mitusowa: Sie starb bereits mit zwei Monaten. Ihre russischen Eltern waren auf dem Johannisfriedhof zur Zwangsarbeit eingesetzt und auch in einem Lager auf dem Friedhofsgelände untergebracht. Darija Mitusowa bekam ihre Tochter im sogenannten Entbindungsheim Kiesgrube – dem Ort, an dem sich zuvor das „Judenlager Hellerberg“ befunden hatte. Ich vermute, dass die Eltern ihr totes Kind bei sich haben wollten und deshalb die Beerdigung an ihrem Arbeitsplatz, dem Johannisfriedhof, und zwar in einer Kindergrabanlage, erwirkt haben. Dort sind übrigens auch noch weitere Säuglinge und Kinder von Zwangsarbeiterinnen beerdigt.
Was ist auf dem Friedhofs-Portal als Nächstes geplant?
Als Nächstes nehmen wir uns den Urnenhain Tolkewitz vor, wo die drittgrößte Gruppe von Hinrichtungsopfern vom Münchner Platz bestattet wurde – und vor allem auch die meisten der zwischen 1952 und 1956 in der zentralen Hinrichtungsstätte der DDR am Münchner Platz in Dresden Hingerichteten. Außerdem gibt es auf dem Urnenhain Tolkewitz auch ein größeres Grabfeld für Häftlinge von Außenlagern des KZ Flossenbürg – auch auf dem Johannisfriedhof spielt diese Opfergruppe eine, wenn auch geringere, Rolle. Auf dem Urnenhain existiert auch eine Gedenkanlage für Euthanasieopfer. Perspektivisch finde ich für das Dresdner Webportal auf jeden Fall noch den Heidefriedhof, den Nordfriedhof, den St.-Pauli-Friedhof und die Annenfriedhöfe besonders interessant.
Die Fragen stellte Volker Strähle

Ein ausführliches Interview mit Birgit Sack von Dezember 2024 zu dem damals neu geschaffenen Webportal zu Opfern von Gewalt und Krieg auf Dresdner Friedhöfen finden Sie hier.
Das Webportal:
www.dresdner-friedhoefe.de
Herausgeber:
Gedenkstätte Münchner Platz Dresden | Stiftung Sächsische Gedenkstätten
Website-Gestaltung und -Programmierung:
schech.net
Ansprechperson:
Dr. Birgit Sack, Leiterin der Gedenkstätte Münchner Platz Dresden
Kontakt
Dr. Birgit Sack
Tel. 0351 4633 6466
birgit.sack@stsg.de

