Vom angehenden Juristen zum Fotografen: Daniel Siemens stellt Biografie Fred Steins in Gedenkstätte Münchner Platz Dresden vor
18.03.26
Einige seiner Fotos kennt fast jeder – der Fotograf Fred Stein (1909-1967) ist dagegen auch in seinem Geburtsort Dresden weitgehend unbekannt. Dies werde die von dem Historiker Prof. Daniel Siemens veröffentlichte Biografie ein Stück weit ändern, sagte Prof. Mike Schmeitzner vom Hannah-Arendt-Institut bei der Buchpräsentation, zu der zahlreiche Interessierte am 16. März 2026 in die Gedenkstätte Münchner Platz Dresden gekommen waren. Siemens stellte nicht nur den Fotografen Fred Stein vor, sondern auch den aus Deutschland 1933 geflohenen Juden, den Exilanten und den politischen Menschen. Die Veranstaltung – die erste öffentliche Präsentation des Buches überhaupt – war eine Kooperation der Gedenkstätte Münchner Platz Dresden und des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung in Dresden.

Eines der berühmtesten Fotos von Albert Einstein entsteht 1946 in Princeton (USA): Das Schwarz-Weiß-Porträt zeigt das von Falten durchzogene, durch das Alter bereits gekennzeichnete Gesicht des Physikers und Nobelpreisträgers, wie er wissend leicht rechts an der Kamera vorbeischaut. Es wurde später zu einer Bildikone eines Fotografen, der eigentlich einen ganz anderen Beruf ergreifen wollte:
Nicht aus Leidenschaft war Fred Stein nämlich zunächst Fotograf geworden, sondern aus ökonomischer Notwendigkeit, wie Siemens in seinem Vortrag darlegte: 1930 begann Fred Stein seinen juristischen Vorbereitungsdienst am Dresdner Landgericht am Münchner Platz – also dem Ort der Buchpräsentation – als Teil seines 1927 begonnenen Jurastudiums. Dieses beendeten die Nationalsozialisten am 30. Juni 1933 abrupt: Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verbot seine weitere Beschäftigung – ein Schicksal, das viele jüdische Personen, aber auch politische Gegner der Nationalsozialisten teilten.
Fred Stein gehörte der Exil-SAP an
Im Oktober 1933 floh Fred Stein gemeinsam mit seiner Ehefrau Lilo nach Paris. Dort bewegte sich das Mitglied der verbotenen Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) im Umfeld anderer Exilantinnen und Exilanten, die der SAP angehörten – ein Gruppierung, die sich zwischen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) verortete. Eine zentrale Figur der Auslands-SAP war der spätere SPD-Bundeskanzler Willy Brandt, der von Oslo aus wirkte – Brandt kam jedoch in dieser Zeit immer wieder nach Paris. Dort traf der charismatische SAP-Funktionär auch mit den Steins zusammen – und wurde von Fred Stein abgelichtet.

Fred Stein beschloss trotz einer guten juristischen Ausbildung aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse und damaliger Berufsverbote für Flüchtlinge, professioneller Fotograf zu werden. Das entsprechende Handwerk erlernte er autodidaktisch. Seine Fotos von Pariser Streiks, Demonstrationen und Menschen in ungeschönten Alltagssituationen transportierten häufig politische Botschaften. In seinem zweiten Exil in den USA ab 1941 wandte er sich verstärkt der Porträtfotografie zu. Er fotografierte Intellektuelle, Politiker und Kinder. Letzteres sei laut Siemens sein „Brot-und-Butter-Geschäft“ gewesen. So sei Stein in den USA zwar erfolgreich gewesen, jedoch nur „auf kleiner Flamme“. Das Geld zum Leben verdiente in dieser Zeit – wie auch zuvor in Paris – vor allem seine hart und vielseitig arbeitende Ehefrau Lilo. Die prekäre finanzielle Situation des Paares änderte sich erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg, als Fred Stein ab 1954 eine als Entschädigung gewährte Pensionszahlung aus der Bundesrepublik Deutschland aufgrund einer rückwirkenden Ernennung zum Landgerichtsrat erhielt.
Siemens merkt an, dass gerade diese monetäre Seite in der Exilforschung oft vernachlässigt worden sei: das Leben von Ersparnissen, das Durchstehen finanzieller Engpässe trotz größter Bemühungen und die begrenzten Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen oder beruflich zu reisen. All dies gehöre zum Leben Fred Steins dazu. Wenn dies nicht erzählt werde, bleibe der tägliche Kampf unsichtbar, die Darstellung seines Lebens unvollständig.
Der Sohn von Fred Stein spielte eine zentrale Rolle
Im Gespräch mit dem Biografen wollte die Birgit Sack wissen, wie dieser auf die Idee zu dem Buchprojekt gekommen sei: Welche Biografie man schreibe, habe schließlich „immer mit einem selbst zu tun“. Nach kurzem Überlegen erklärte Siemens, dass mehrere Gründe zu dem Entschluss geführt hätten: Die entscheidende Rolle habe der vielversprechende Fundus an Fotos und privater Korrespondenz im Nachlass Fred Steins gespielt, den der Sohn Peter Stein ihm zugänglich gemacht habe. Außerdem habe ihn der Wunsch des Sohnes bewegt, das Erbe seines Vaters bekannter zu machen. Nicht zuletzt habe er auch eine persönliche Verbundenheit mit Fred Stein entwickelt. Nachdem Siemens 2017 als Professor für Europäische Geschichte an der Universität Newcastle nach Großbritannien gewechselt war, habe ihn der Brexit mit einer Ungewissheit konfrontiert und Sorgen ausgelöst, ob er weiterhin im Land geduldet werde, erklärte Siemens. Hier habe er eine Verbindung zu Flüchtlingen und Exilanten wie Fred Stein entwickelt, der in den USA jahrelang darauf wartete, als US-Staatsbürger anerkannt zu werden. Zunächst hatte Stein die Staatsbürgerschaft – im Gegensatz zu seiner Frau – nicht erhalten, weil die Einwanderungsbehörden ihn als „Kommunisten“ führten.
Daniel Siemens präsentierte sich nicht als überlegener, jeglicher Subjektivität entbehrender Berichterstatter, sondern gewährte Einblicke in die Hürden seines Schreibprozesses. So gab er zu, dass er „zuerst Fan, dann wissenschaftlicher Bearbeiter“ des Themas gewesen sei. Als Fan der Fotografien Steins habe er dessen Sohn Peter Stein als sympathischen Menschen kennengelernt. Als Historiker habe er sich allerdings im Spannungsfeld zwischen seinem eigenen wissenschaftlichen Anspruch und dem Wunsch des Sohnes, den Vater in ein positives Licht zu rücken, wiedergefunden. Es sei jedoch ein Vertrauensverhältnis mit Peter Stein gewachsen, das ihm erlaubt habe, einen guten Ausgleich zwischen den Ansprüchen zu finden. Auf die Nachfrage eines Besuchers der Veranstaltung sagte Siemens, er habe dem Sohn nur die Passagen des Buches vorab vorgelegt, die diesen selbst beträfen.
Siemens will Stein als Kämpfer für soziale Gerechtigkeit würdigen
Zum Ende der Veranstaltung griff Siemens das politische Ideal Fred Steins auf: soziale Gerechtigkeit, der Einsatz für Außenseiter und weniger Begüterte sowie gelebte Toleranz – auch gegenüber Andersdenkenden. Letzteres habe Stein sogar dazu bewegt, nach dem Krieg Kontakt zu ehemaligen Nationalsozialisten wie Martin Heidegger aufzunehmen. Ein „Hasser“ ehemaliger Nazis sei er nicht gewesen – „vielleicht eine Schwäche“, so Siemens.
Die Frage von Birgit Sack, was von Fred Steins Idealen heute noch geblieben sei, sei schwer zu beantworten, sagte Siemens. Die Gesellschaft habe zunehmend verlernt, andere Meinungen auszuhalten. Das Leben Fred Steins könne daher auch als Plädoyer für Dialog und Zugewandtheit gesehen werden. Weitergehenden Aussagen über den Gegenwartsbezug seiner Fred-Stein-Biografie entzog sich Siemens jedoch. Allerdings äußerte er die Hoffnung, vom Leser verstanden zu werden, wenn dieser die letzte Seite seines Buches umgeblättert habe.
Der Veranstaltungsbericht wurde verfasst von Leon Kresin, derzeit Praktikant in der Gedenkstätte Münchner Platz Dresden
Der Fotograf Fred Stein. Ein deutsch-jüdisches Leben 1909–1967, Ch. Links Verlag, 336 Seiten, mit Abbildungen, Hardcover, Erscheinungsjahr 2026, 28 Euro.
Kontakt
Volker Strähle (Referent Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit)
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