Gedenkstätte Münchner Platz Dresden legt Spuren im Zellengang frei
23.07.26
Der Zellengang der Gedenkstätte Münchner Platz Dresden ist kürzlich saniert worden. Handwerker haben die bröckelnde Ziegelsteinmauer auf ganzer Länge trockengelegt und neu verputzt – und dabei historische Spuren freigelegt. Besucherinnen und Besucher können nun die Umrisse einer zugemauerten Tür erkennen sowie zwei zugemauerte Fenster. Was hat es mit diesen Spuren auf sich? In welchem Zusammenhang stehen sie mit dem Gericht, der Haftanstalt und der Hinrichtungsstätte am Münchner Platz?
Die Türen zu den sechs düsteren Zellen stehen offen, teilweise ist der kleine Hocker und Tisch heruntergeklappt. Bettstellen finden sich in den Zellen nicht. Der Putz ist teils von den Wänden verschwunden, nur mattes Licht brennt. Gerald Hacke, wissenschaftlicher Referent der Gedenkstätte Münchner Platz Dresden, steht neben den sechs Zellen – in den Händen hält er eine schwere steinerne Tafel. „Todeszellen“, steht darauf, „in denen die Verurteilten stehend und gefesselt, die letzten Stunden ihres Lebens verbrachten“.
„Das stimmt nicht“, sagt Gerald Hacke – „weil die Zellen hier gar nicht in Zusammenhang mit den Hinrichtungen standen.“ Tatsächlich wurden die zum Tode Verurteilten bis zu ihrer Hinrichtung in Sammelzellen im Erdgeschoss der Untersuchungshaftanstalt (heute Hülße-Bau der TU Dresden) untergebracht. Die sechs bis heute erhaltenen Zellen waren dagegen „Wartezellen“, wie Gerald Hacke erklärt: Dort wurden Justizhäftlinge kurzzeitig festgehalten, wenn sie in den Gerichtsverhandlungen als Angeklagte oder Zeugen auftreten mussten. Vom Zellengang aus waren vier Fahrstühle erreichbar, die hoch zu verschiedenen Verhandlungssälen führten.
Frühere Nutzung des Zellengangs wird besser nachvollziehbar

Eine der Türen, die zu einem Fahrstuhl führten, befand sich an der Wand rechts gegenüber den Zellen. Die Ummauerung der Tür ist nun im Zuge der Sanierungsarbeiten freigelegt worden. Außerdem sind nun die Umrisse zweier vermauerter Fenster erkennbar, nachdem die Fugen freigelegt wurden. Der Wunsch der Gedenkstätte: Anhand dieser historischen Spuren können Interessierte die frühere Nutzung des Zellengangs besser nachvollziehen.
Die Sanierung verweist auf Spuren aus der Erbauungszeit des Justizkomplexes, der 1907 eröffnet wurde. Am Münchner Platz in der Dresdner Südvorstadt entstand damals das Landgerichtsgebäude mit einer angeschlossenen Untersuchungshaftanstalt, die über 680 Haftplätze verfügte. Während des Nationalsozialismus wurden auf dem Hinrichtungshof 1329 Menschen getötet, etwa die Hälfte der Personen waren aus politischen Gründen zum Tode verurteilt worden. Zwei Drittel der Opfer waren Tschechinnen und Tschechen.

Während der DDR-Zeit wurde der Zellengang mit den angeblichen „Todeszellen“ zunächst als Ausstellungsfläche genutzt. Im Laufe der 1960er-Jahre entstanden zwei direkte Zugänge zum früheren Hinrichtungshof, die es vorher gar nicht gegeben hatte. Die Idee für einen „Rundgang“ vom Hof aus stammte angeblich vom DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht persönlich. Zu DDR-Zeiten wurde erzählt, Ulbricht habe die Idee bei seinem Gedenkstättenbesuch 1966 vorgebracht.
In den 1980er-Jahren wurde der Zellengang dann bewusst düster gestaltet. Um einen natürlichen Lichteinfall zu unterbinden, wurden die beiden Fenster aus Glasbausteinen zugemauert. „Die Führung durch den Zellengang, dem letzten Weg der Verurteilten, sollte dem Besucher das Bedrückende vermitteln“, schrieb im März 1986 der verantwortliche Gestalter, der Dresdner Künstler Arndt Wittig (1921–1999): „Der Putz muss schadhaft erscheinen, ähnlich wie in den Zellen. Der Anstrich der getünchten Wände sollte durchgängig abweisend schmutzig-grau sein, um das Depressive des Ortes zu charakterisieren.“
Die Behauptung der „Todeszellen“ hielt sich hartnäckig

Diese Gestaltung wurde von der Gedenkstätte Münchner Platz Dresden lange beibehalten. Bereits 2021 wurde allerdings im Zellengang ein neues Beleuchtungssystem mit hellen Lampen installiert, um die Inszenierung aus DDR-Zeiten zurückzunehmen. In einem zweiten Schritt ist in den vergangenen Monaten die schadhafte und feuchte Ziegelwand gegenüber den Zellen trockengelegt und verputzt worden. Die aus den 1980er-Jahren stammende Tafel mit der falschen Einordnung der Zellen als „Todeszellen“ hat die Gedenkstätte bereits vor einigen Jahren abgenommen. Die Erzählung der „Todeszellen“ war so wirkmächtig bei Besucherinnen und Besuchern, dass das korrigierende Schild daneben kaum wahrgenommen wurde.
„In der DDR-Gedenkstätte ging es mehr um die emotionale Wirkung als um Authentizität“, sagt Gedenkstättenmitarbeiter Gerald Hacke. War die Geschichte mit den „Todeszellen“ also eine bewusste Geschichtsfälschung? Oder wussten es die Verantwortlichen der DDR-Gedenkstätte es nicht besser? „Wahrscheinlich wussten sie es nicht“, sagt Gerald Hacke. „Sie hätten es aber besser wissen können, weil es ja überlebende Häftlinge aus der NS-Zeit gegeben hat, die in diesen Zellen untergebracht waren.“
Gerald Hacke hat aber noch eine andere Hypothese: „In der frühen Nachkriegszeit wurde der Hof ja von der ostdeutschen Justiz weiter für Hinrichtungen genutzt“, sagt er. „Und die einzigen Zellen, die zu dieser Zeit am Münchner Platz zur Verfügung standen, waren diese sechs Zellen hier.“ Das Haftgebäude wurde nämlich bis 1951 ausschließlich von der sowjetischen Besatzungsmacht genutzt. Womöglich – schlussfolgert Gerald Hacke – waren die Zellen also doch „Todeszellen“, in denen Verurteilte die letzten Stunden vor ihrer Hinrichtung verbringen mussten. Aber eben in den Jahren der sowjetischen Besatzungszeit und der frühen DDR – nicht während des Nationalsozialismus. Die DDR-Gedenkstätte erinnerte allerdings ausschließlich an die nationalsozialistischen „Opfer des antifaschistischen Widerstandskampfes“.
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Volker Strähle (Referent Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit)
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