80 neue Biographien Hingerichteter erweitern Installation in Gedenkstätte Münchner Platz Dresden
10.03.26
In der Dauerausstellung der Gedenkstätte Münchner Platz erinnern Karteikarten an die im Hinrichtungshof des Dresdner Landgerichts getöteten Menschen. Seit 2014 wurden schrittweise Biographien ergänzt. Diese Woche kamen nun 80 neue Biographien hinzu. In knapper Form können die Lebens- und Verfolgungsgeschichten dieser Menschen nachvollzogen werden. Die meisten von ihnen waren im tschechischen Widerstand gegen die deutsche Besatzungsherrschaft aktiv.In der Ausstellungsabteilung zum Nationalsozialismus ziehen sich die Karteikarten der Hingerichteten an einer Fensterfront entlang. Durch die Fenster blicken die Besucherinnen und Besucher auf den ehemaligen Richthof des Dresdner Landgerichts. Die Installation mit den Karteikarten ist nüchtern und erschreckend zugleich: Während der Jahre nationalsozialistischer Herrschaft steigern sich die Zahlen hingerichteten Menschen von Jahr zu Jahr: von einer Person im Jahr 1933 auf 548 Personen im Jahr 1944. Die große Mehrheit der 1330 Hingerichteten – etwa zwei Drittel – waren Tschechinnen und Tschechen.
Dem Team der Gedenkstätte Münchner Platz ist es gelungen, bei 73 der 80 neuen Karten Fotos zu recherchieren. Damit erhalten die Hinrichtungsopfer ein Gesicht. Die knappen Biographien mit rund 600 Zeichen legen ihren Schwerpunkt auf die Verfolgungsgeschichte. Häufig finden sich auch Angaben zum Bestattungsort. Was die während des Nationalsozialismus Hingerichteten angeht, ist dies in den meisten Fällen der Neue Katholische Friedhof oder der Johannisfriedhof in Dresden. 74 der Biographien widmen sich tschechoslowakischen Personen, sechs deutschen und einer polnischen Person.
Sechs der biographischen Karten wurden von Schülerinnen und Schülern im Rahmen einer „komplexen Lernleistung“ verfasst. Die Gedenkstätte Münchner Platz unterstützt seit vielen Jahren Schülerinnen und Schülern bei ihren Recherchen und Ausarbeitungen. „Besonders erfreulich ist es, wenn die Ergebnisse Eingang in die Ausstellung finden – wie im Fall der Karteikarten“, sagt Gedenkstättenmitarbeiter Dr. Gerald Hacke.
Anna Šrámková
Eine der hingerichteten Tschechinnen war Anna Šrámková (1906–1944), der eine der neu
en Karteikarten gewidmet ist. Zusammen mit ihrem Mann Otakar Šrámek lebte die Damenschneiderin in Prag. In ihrer Wohnung verbarg das Paar kurzzeitig die zwei Fallschirmspringer, die das Attentat auf Reinhard Heydrich am 27. Mai 1942 verübt hatten. Nachdem ihr Mann im Herbst 1942 festgenommen worden war, kam auch Anna Šrámková für drei Monate in Polizeihaft in Prag-Pankrác. Weil die Gestapo ihr nichts nachweisen konnte, wurde sie wieder entlassen.
Ende 1942 erhielt sie aus dem Gefängnis Pankrác ein Wäschepaket ihres Mannes. In einem Wäschestück entdeckte sie einen Zettel, der einen Hinweis auf einen im Keller des Hauses versteckten Koffer enthielt. Anna Šrámková holte den Koffer in ihre Wohnung – darin befanden sich Waffen, Munition, Teile eines Fallschirms und Bilder der früheren tschechoslowakischen Staatspräsidenten Tomáš Garrigue Masaryk und Edvard Beneš. Anna Šrámková gab die Waffen an Josef Stibor (1897–1944) weiter, der dem bürgerlich-militärischen Widerstand angehörte. Eine Pistole übergab dieser an Maria Cibulková (1888–1944).
Nachdem Anna Šrámkovás Ehemann Otakar Šrámek ins Konzentrationslager Auschwitz verschleppt und dort 1943 getötet worden war, führte der Volksgerichtshof in Dresden einen Prozess gegen die Angeklagten Anna Šrámková, Josef Stibor und Maria Cibulková. Wegen „Hochverrats“ und „Feindbegünstigung“ wurden die drei am 11. Juli 1944 zum Tode verurteilt. Sie starben alle am 11. Oktober 1944 – zusammen mit weiteren 15 Menschen – im Richthof des Dresdner Landgerichts am Münchner Platz unter der Guillotine. Anna Šrámkovás sterblichen Überreste befinden sich bis heute auf dem Neuen Katholischen Friedhof in Dresden.
Kurt Kücken
Drei neue Biographien beschäftigen sich mit Menschen, die in der Zentralen Hinrichtungsstätte der DDR hingerichtet wurden. Diese befand sich von 1952 bis 1956 im Justizkomplex am Münchner Platz. Eine stellt Kurt Kücken (1926–1956) vor, der am 28. Juli 1956 starb. Kurt Kücken war in Berlin im Ministerium für Schwerindustrie tätig. 1953 wurde er vom amerikanischen Geheimdienst angeworben. Bis zu seiner Flucht aus der DDR im März 1955 übergab er Produktionszahlen aller chemischen Werke der DDR. Nach der Rückentführung in die DDR verurteilte ihn das Bezirksgericht Dresden am 27. Januar 1956 in einer nichtöffentlichen Sitzung zum Tode. Seine Frau erhielt eine Haftstrafe, die Kinder mussten ins Heim. Das Oberste Gericht der DDR lehnte die Berufung durch den Rechtsanwalt Kurt Kückens am 3. Februar 1956 ab. Seit 1994 liegen Kurt Kückens Überreste in der Grabanlage „Den Opfern des Stalinismus“ auf dem Urnenhain in Dresden-Tolkewitz.
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Volker Strähle (Referent Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit)
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