Dokumentationsstelle Militärjustiz

Lebensläufe und Spruchpraxis von Wehrmachtrichtern

Die Urteilsbilanz der NS-Militärjustiz übertrifft mit schätzungsweise 30.000 Todesurteilen die der zivilen NS-Gerichtsbarkeit bei weitem. Die Wehrmachtjustiz war ein wirkungsvolles und komplexes Werkzeug der militärischen und politischen Führung, das die Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit der Wehrmacht als Teil des NS-Regimes zum Ziel hatte. Zugleich war ihr Wirken auf allen europäischen Kriegsschauplätzen Teil des Kriegsalltags. Durch ihre Spruchtätigkeit flankierten die Wehrmachtrichter den verbrecherischen Angriffskrieg und die Besatzungsherrschaft. Bisherige Forschungsprojekte zur Wehrmachtjustiz haben als Untersuchungsschwerpunkte entweder die Spruchtätigkeit ausgewählter Gerichte aus regionaler Perspektive oder die Spruchpraxis bei bestimmten Delikten gewählt. Zudem war die Perspektive vorwiegend auf die Opfer der NS-Militärjustiz und ihre Biografien gerichtet. Die Wehrmachtrichter sind bislang jedoch noch nicht systematisch in den Blick genommen worden. Gerade die Verbindung von Täterbiografien und Spruchpraxis auf empirischer Basis ist bisher ein Desiderat in der Forschung zur Wehrmachtjustiz.

Dem will das Kooperationsprojekt zwischen dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden e.V. (HAIT) und dem DIZ Torgau / Stiftung Sächsische Gedenkstätten abhelfen, das von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig in den Förderschwerpunkt „Geistes- und Sozialwissenschaftliche Forschung“ aufgenommen wurde und im Januar 2010 seine Arbeit begonnen hat. Finanziert wird es vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK), seine Laufzeit beträgt 2 ½ Jahre. Nach Abschluss des ebenfalls vom SMWK geförderten Projektes „Dokumentationsstelle Militärjustiz – Grundlagenforschung in vergleichender Perspektive“ hat das neue Forschungsprojekt das Ziel, die Lebens- und Karriereverläufe des Richterkorps der Wehrmacht zu ermitteln und nachzuzeichnen und diese in Verbindung mit ihrer jeweiligen Spruchpraxis zu analysieren.

Dabei werden vor allem zwei Hauptziele verfolgt:

1. In Fortführung des bisherigen Kooperationsprojektes soll die Sammlung von biografischen Daten der Wehrmachtrichter vervollständigt und Wissenschaftlern international zugänglich gemacht werden. Dies wird durch neue Publikationsformen im Internet erfolgen, damit die Sammlung auch für weitere Forschungen effizient nutzbar wird.
 
2. Nach dem methodischen Vorbild von Gruppenbiografien über Funktionseliten des NS-Regimes soll das Projekt eine wissenschaftliche Auswertung der gesammelten biografischen Daten ermöglichen. Auf der Grundlage einer Zusammenführung dieser Daten mit einer Analyse der Spruchpraxis ausgewählter Gerichte werden in einer Monografie über die Richter der Wehrmacht Erklärungsansätze für die in der deutschen Rechtsgeschichte beispiellose Urteilsbilanz der NS-Militärjustiz entwickelt. Durch die Kombination der Auswertung von Personalakten und Prozessakten können Strukturen und Funktionsprinzipien, aber auch die Praxis der Wehrmachtgerichte besser als bisher analysiert werden. Eine Typologie der Akteure wird die komplexen Zusammenhänge auf der individuellen wie auch der institutionellen Ebene verdeutlichen. Unter Aspekten wie Generationszugehörigkeit und situativem Kontext werden in der Monografie die verschiedenen Faktoren beschrieben, welche die Tätigkeit der Kriegsgerichte mit beeinflussten. Abschließend werden die Karriereverläufe sowie Selbstdeutungen der früheren Wehrmachtrichter in der Nachkriegszeit geschildert.
 

Bearbeiterin:
Dr. Claudia Bade
Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Torgau
Schloss Hartenfels
Schlossstr. 27
04860 Torgau

Mail: claudia.bade@stsg.smwk.sachsen.de
Tel.: (0 34 21) 773 96 83
Fax: (0 34 21) 71 49 32

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