„Das Gedenken gehört in unsere Mitte“. Stiftung Sächsische Gedenkstätten zum Heidenauer Stadtratsbeschluss
25.09.26
Die Stiftung Sächsische Gedenkstätten bedauert ausdrücklich die Entscheidung des Heidenauer Stadtrates, künftig auf weitere Stolpersteine im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich zu verzichten. Aus erinnerungskultureller Sicht stößt der Beschluss bei der Stiftung auf großes Unverständnis. „Das Gedenken an die Opfer der NS-Herrschaft darf nicht aus unserem Alltag und unseren Innenstädten an entlegene Orte verbannt werden. Es gehört dorthin, wo die Menschen gelebt haben, die verfolgt, entrechtet, erniedrigt oder ermordet wurden: in unsere Mitte“, sagt Markus Pieper, Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten.
Zwar handelt es sich um eine demokratisch zustande gekommene Entscheidung des Stadtrates. Das bedeutet aber nicht, dass sie fachlich richtig ist und nicht kritisch eingeordnet werden sollte.
Stolpersteine gehören seit vielen Jahren zu den etablierten Formen dezentraler Erinnerung an Menschen, die während des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Ihre besondere Qualität besteht gerade darin, dass sie Erinnerung nicht ausschließlich an dafür eigens vorgesehene Gedenkorte verlagern, sondern die Biografien der Verfolgten dort sichtbar machen, wo diese Menschen gelebt und gewirkt haben. Geschichte begegnet den Menschen damit im Alltag und im unmittelbaren lokalen Umfeld, stößt Denkprozesse an und ermöglicht konkretes, individuelles Gedenken.
Zum Konzept der Stolpersteine gehört, dass sie Teil des alltäglichen öffentlichen Raums sind und damit auch betreten werden können. Die Diskussion darüber, ob es angemessen ist, Namen von Verfolgten in den Boden einzulassen und damit grundsätzlich auch über die Steine hinwegzugehen, ist nicht neu. Unterschiedliche Auffassungen dazu gehören zu einer pluralen Erinnerungskultur. Dieses Argument rechtfertigt jedoch keinen Ausschluss von Stolpersteinen im öffentlichen Raum. Gerade ihre Einbettung in den alltäglichen öffentlichen Raum ist ein wesentlicher Bestandteil ihres erinnerungskulturellen Konzepts.
Ein zentraler Gedenkort auf einem Friedhof kann zwar eine Form des Erinnerns sein. Solche Formen sollten sich aber komplementär ergänzen und nicht gegeneinander ausgespielt werden. Erinnerungskultur lebt von unterschiedlichen Zugängen und Orten. Ein zentraler Gedenkort kann dezentrale, biografisch ausgerichtete Erinnerungszeichen sinnvoll ergänzen. Er ersetzt aber nicht deren besondere Funktion, an den konkreten früheren Lebens- und Wirkungsorten der Verfolgten an ihre Schicksale zu erinnern, mitten im lokalen Raum präsent zu sein und den Menschen in ihrem Alltag zu begegnen.
Auch die Stiftung und ihre Gedenkstätten haben in der Vergangenheit zahlreiche Stolpersteininitiativen unterstützt, etwa durch Recherchen, Auskünfte und die Aufarbeitung von Opferbiografien. Die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein hat beispielsweise wiederholt Angehörige, Forschende und Initiativen bei Recherchen zu Opfern der nationalsozialistischen Krankenmorde unterstützt, die anschließend auch in Stolpersteinverlegungen eingeflossen sind. Solche Projekte verbinden wissenschaftliche Recherche, lokale Geschichte, bürgerschaftliches Engagement und öffentlich sichtbares Gedenken in besonderer Weise. Dieses bürgerschaftliche Engagement gewürdigt und unterstützt statt verhindert werden. Eine lebendige demokratische Erinnerungskultur lebt von diesem Engagement und wird durch dessen Vielfalt bereichert.
Die Wirkung des Heidenauer Stadtratsbeschlusses ist, dass eine europaweit etablierte, anerkannte und wirksame Form des dezentralen und unmittelbar im Stadtbild sichtbaren Gedenkens in Heidenau künftig nicht mehr weitergeführt werden soll. Diesen drohenden Verlust an erinnerungskultureller Vielfalt und Sichtbarkeit bedauert die Stiftung Sächsische Gedenkstätten ausdrücklich. Nun sollte unbedingt geprüft werden, auf welchen Wegen diese Form des Gedenkens in Heidenau auch künftig ermöglicht werden kann.
Sven Riesel
Stellvertretender Geschäftsführer Stiftung Sächsische Gedenkstätten
Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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