28.10.11

Frank Müller

Besuch von Kleinkindern

Ich komme selber aus dem Osten und bin der Meinung das man dieses Gefängnis, deren Insassen und die Tätigkeit des MfS nicht vergessen soll und darf!! Wenn ich allerdings sehe das jetzt schon Kleinkinder in dieses Gefängnis gezerrt werden die dafür weder Verstand noch Interesse haben platzt mir der Hals! Geht es der Gedenkstätte wirklich so schlecht das man jetzt schon Kleinkinder dafür mißbraucht? Ich finde es entsetzlich was Sie da veranstalten. Versetzen Sie sich mal in die Lage der Kinder und denken selber zurück was Sie in diesem Alter empfunden haben und für was Sie sich interessiert haben. Kinder gehören auf den Spielplatz und nicht in ein solches Gefängnis. Ist das wirklich das Ziel zur Aufarbeitung der Geschichte des Gebäudes das man Kleinkinder da durch führt? Ich kann mir sehr gut vorstellen das die "Hoheneckerinnen" und andere ehem. Gefangene, auch die in den ehem. Jugendwerkhöfen einen Schock bekommen wenn sie sehen was Sie da veranstalten. Ich kann nur mit dem Kopf schütteln und hoffen das die Proteste der Opferverbände Sturm laufen und Sie mit solchen Aktionen aufhören.

Anmerkung der Redaktion:

Sehr geehrter Herr Müller,

herzlichen Dank für Ihren Beitrag in unserem Internetforum. Wir können Ihre Bedenken zu unserem neuen Kinderprojekt „Das andere Gefängnis“ einerseits natürlich sehr gut nachvollziehen. In der Vorbereitung des Projekts haben wir selbst sehr intensiv darüber diskutiert, ob Kinder von 6 bis 12 Jahren sich ausführlich mit dem Thema „Politische Haft in der DDR“ an einem solchen Ort wie dem ehemaligen Stasi-Gefängnis beschäftigen sollten und ob sie auch emotional in der Lage sind, mit den Eindrücken umzugehen. Andererseits wissen wir aber auch aus unserer langjährigen Erfahrung mit Besuchern, darunter auch sehr vielen Familien mit Kindern aller Altersklassen und extra angemeldeten Führungen für Grundschüler in den vergangenen Jahren, dass sich Kinder bereits sehr frühzeitig für die Frage „Wie war das früher?“ interessieren, zumal sie sowohl über die Medien als auch zu Hause in ihren Familien immer wieder mit DDR-Geschichte in Berührung kommen. Gleichzeitig beinhaltet die Lebenswelt der Kinder auch die Kenntnis von der Existenz von Orten wie einem Gefängnis in der heutigen Gesellschaft. Und letztendlich erleben sie in ihrem Umfeld solche menschlichen Werte wie „Gut“ und „Böse“ bzw. „Gerecht“ und „Ungerecht“, die gerade in dieser Altersklasse eine ganz wichtige Rolle im alltäglichen Miteinander spielen.
 
Das Projekt „Das andere Gefängnis“ knüpft genau an diese Erfahrungswelten an. Die Ergebnisse des Probelaufs haben unsere Erwartungen bei weitem übertroffen und letzte Zweifel ausgeräumt. Die Kinder waren während ihres dreistündigen Aufenthalts unbefangen, wissbegierig, empathisch und wirkten an keiner Stelle überfordert. Anhand einzelner Fallbeispiele wurden bestimmte Aspekte der Haft in Bautzen II gezeigt. Dabei entwickelten sich von Seiten der Kinder sehr kluge Fragen zum Haftalltag und auch den Hintergründen der Inhaftierung. Sowohl die Mitarbeiter der Gedenkstätte, insbesondere aber auch die begleitenden Eltern und die Horterzieherinnen der Kindertagesstätte Oppach waren von dem Verlauf und den Ergebnissen des Projekts begeistert. Wir sind der Überzeugung, dass das Hauptziel des Projekts, die Sensibilisierung für demokratische Grundwerte, mit diesem Projekt gerade für diese Altersklasse erreicht werden kann. Dies bezieht sich vor allem auf solche Grundrechte, die die Kinder selbst berühren wie das Recht auf eine Wohnung, auf Freunde, auf eine Familie, auf Freizügigkeit und auf eine eigene Meinung.
 
Vielleicht können Ihre Bedenken auch durch die Sichtung der ausgesprochen positiven Medienresonanz zerstreut werden.
Siehe dazu die Beiträge vom 27.10.2011 beim mdr sachsenspiegel und in den Abendnachrichten um 21.45 Uhr bei mdr aktuell
sowie den ausführlichen Beitrag in der Sächsischen Zeitung vom 28.10.2011:
 
Sicher wird die Diskussion darüber noch einige Zeit andauern. Gern stellen wir uns dieser, sind aber auch davon überzeugt, einen richtigen und wichtigen Weg in der Besucherorientierung zu gehen.
Ihr Gedenktättenteam